Nicht nur der Tullner Weltladen selbst feiert ein Jubiläum. Auch ich, die Newsletter-Verfasserin. Denn vor genau 20 Jahren habe ich meine ehrenamtliche Mitarbeit im Weltladen begonnen. Und ich möchte diese Gelegenheit gerne nutzen, um mit Ihnen zu teilen, was der Tullner Weltladen für mich persönlich bedeutet.
Vor 20 Jahren war ich gerade 18 Jahre alt. Im August war ich mit einer Reisegruppe in Nigeria. Eine Reise, die mir direkt vor Augen führte, wie unfair es auf dieser Welt zugeht. Und deswegen musste ich keine Sekunde überlegen, als ich an dem Plakat vorbeiging, auf dem stand, dass für den gerade eröffnenden Weltladen noch Mitarbeiter*innen gesucht würden. Für einen fairen Handel wollte ich mich gerne engagieren!
Was begann, um für die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern einen Unterschied zu machen, wurde aber auch für mein weiteres Leben wertvoll. Bereits in meinem letzten Schuljahr konnte ich im Weltladen erste berufliche Erfahrungen sammeln. Ich bekam Einblicke in verschiedenste Arbeitsbereiche und konnte mich ausprobieren. Sei es im Verkauf und an der Kassa, im Verwalten von Daten, beim Überlegen, Formulieren und Umsetzen von Marketing-Aktionen, dem Warten einer Website und später auch in der Vereinsarbeit. Ich konnte mich als Fotografin und als Model erproben und mithelfen, eine Crowdfunding-Kampagne für den Umzug des Weltladens aufzuziehen. Und das ganze immer in einem Zeitausmaß, das zu meinem restlichen Leben passte. Mal mit mehr Einsatz, mal mit weniger.
Der Weltladen ist für mich ein Ort, an dem man sich einbringen, ausprobieren und lernen kann. Das ist etwas, was ich jedem Menschen wünsche.
Durch das große ehrenamtliche Team, in dem Menschen aus verschiedenen beruflichen Richtungen zusammenarbeiten, gibt es einen riesigen Erfahrungsschatz, von dem man einfach profitiert.
Mittlerweile habe ich viele Jahre Berufserfahrung und habe noch eine Sache im Weltladen ganz besonders schätzen gelernt: Während die Personalfluktuation das Arbeiten vielerorts erschwert, treffe ich im Weltladen immer noch auf ganz viele helfenden Hände, die bereits vor 20 Jahren mit angepackt haben. Die Idee des fairen Handels und eines Tullner Weltladens ist für viele Mitarbeiter*innen in unserem Team schon eine jahrzehntelange Konstante. Gleichzeitig werden neue Mitarbeiter*innen immer noch mit derselben Begeisterung ins Team integriert, wie ich damals.
Der Weltladen ist für mich ein Ort der Beständigkeit. Ein Ort, an dem man sich Zeit nimmt und sich aufeinander einlässt.
Das erlebe ich bei der Zusammenarbeit, aber auch, wenn ich als Kundin ins Geschäft komme. Hier wird geplaudert, beraten und auf Wunsch Kaffee serviert. Kann ich nicht in den Laden kommen, weil ich - wie diesen Frühling - auf Krücken kaum das Haus verlassen kann, überrascht mich ein Fahrradkurier mit handgeschriebener Genesungskarte und Trostschokolade vom Team.
Der Weltladen ist einfach ein Ort des Miteinanders.
Wir sind mehr als eine Arbeitsgemeinschaft, weil uns ein gemeinsames Ziel, die gemeinsame Vision eines guten und fairen Miteinanders aller Menschen, verbindet. Und während die Arbeitskraft durch Alter und Krankheit schwinden mag, so bleibt die Vision bestehen. Diesen Sommer mussten wir uns leider von dem treuen Mitarbeiter Rudolf Walter nach schwerer Krankheit verabschieden. Er hat den Laden viele Jahre durch sein handwerkliches Geschick unterstützt. Doch selbst als dies durch seine Krankheit nicht mehr möglich war, kochte er viele Jahre Marmelade für alle Teammitglieder.
Der Weltladen ist ein Ort, der mir zeigt, dass wir für ein schönes und faires Miteinander kein Aufwiegen und Gegenrechnen brauchen. Sondern nur die Bereitschaft das zu tun, was man kann. Und dass dieses Tun für andere Motivation sein kann, ebenfalls ihr Mögliches zu tun und zu geben.
Dass es auf der Welt bei weitem nicht friedlich, gerecht und fair zugeht, das sehen wir alle leider täglich. Unser über 20-jähriges Streben nach fairem Handel weltweit hat den Welthandel nicht groß verändert. Aber es hat ein stabiles, faires, wertschätzendes und wertvolles Miteinander im Kleinen aufgebaut. Das sehe ich im Tullner Weltladen. Und das sehen viele Prduzent*innen in ihren Kooperativen. Und das ist ein großer Grund zu feiern!